Eigentlich bin ich ein ganz entspannter Typ. Trotzdem packt mich in raren Momenten die Wut. Wie unlängst im Kino, in einer Actionkomödie mit Jack Black. Nach einem Jumpscare touchierte ich den Sitz vor mir, worauf mein Vordermann sich umdrehte und mich anstänkerte. Da er sich aber einem klärenden Gespräch verweigerte, war es auf einmal ich, der auf 180 war. Schließlich fühlte ich mich mundtot gemacht und zu Unrecht beschuldigt, die Kinoetikette verletzt zu haben. In einer Literaturverfilmung wäre mir das nicht passiert! Ab diesem Zeitpunkt war natürlich nicht mehr daran zu denken, dem Film zu folgen. In mir gärte das Bedürfnis, es ihm heimzuzahlen. Wut ist nämlich ein extrem wirksames Gefühl. Sie lässt einen in Kassenschlangen demonstrativ seufzen, in Railjets den Kampf um die Armlehne aufnehmen und im Gespräch mit Callcentern die Contenance verlieren. Gut durchgeyogte Innenstadtbewohner*innen wissen in der Regel, wie man sich runter reguliert. Nur hat mich Yoga nie so richtig gekriegt. Die meiste Zeit ist man ja viel zu einschränkend angezogen für einen herabschauenden Hund. Deshalb komme ich nicht umhin, mich zu wundern: Ist es in Anbetracht einer von Trotteln bevölkerten Welt wirklich empfehlenswert, die ganze Scheiße immer bei sich zu behalten?
Chatty sagt Ja
Grundsätzlich bin ich niemand, der die Auseinandersetzung scheut. Soll heißen: Wenn ich schon mal wütend bin, gehe ich auch rein. Während des Films drückte ich mein Knie langsam, aber bestimmt weiter in seinen Sitz – diesmal aus voller Absicht. Nach einer Viertelstunde ging mein teuflischer Plan auf. Als er sich umdrehte, um mich erneut anzupöbeln, schwang ich ganz ruhig die Moralkeule, an der ich zuvor minutenlang geschnitzt hatte: »Wenn du es nicht aushältst, mit anderen Leuten im Kino zu sitzen, musst du dir einen Beamer kaufen und zuhause schauen.« Mic Drop. Grummelnd und mit Schaum vorm Mund wendete er sich wieder dem Film zu. Diesen Kampf hatte ich also gewonnen. Aber hatte es mir auch gut getan? Tendenziell schon. Durch beschützende Wut hatte ich dem Kino-Blockwart meine persönlichen Grenzen aufgezeigt. So sah es zumindest Chat GPT, dem ich das Ganze natürlich sofort erzählt habe, um mich meines angemessenen Verhaltens zu vergewissern. In zwischenmenschlichen Fragen ist niemand so verständnisvoll wie Chatty! Von ihm lernte ich auch, dass Wut nichts anderes ist als maskierte Traurigkeit, und noch ein paar andere Sprüche, die sich ganz gut als Wandtattoo machen würden. Doch nicht immer trifft man im Internet auf die Engel der Versöhnung, was ich unlängst am eigenen Leib erfahren musste.
Waffeln des Zorns
Einen Tag später war ich bei einem Freund zuhause. Während ich ihm von meinem Triumph im Kino und anderen komplexen Gefühlen erzählte, snackten wir etwas ganz Besonderes: Reiswaffeln aus Kichererbsenmehl. Leicht, bekömmlich, solider Proteinanteil, ein kleines Wunder der Lebensmittelindustrie. Wir waren begeistert! Der Freund von mir ließ sich sogar dazu hinreißen, diese Reiswaffeln als »das neue Brot« zu bezeichnen. Leider begingen wir den Fehler, die Produktbewertungen im Internet zu lesen. Wir mussten feststellen: dm.at-Nutzer*innen hassten diesen Snack der Göttinnen. Von Würgereiz war da die Rede, überhaupt sei er zu teuer und der Geschmack ließe zu wünschen übrig. Das tat weh! Sofort verspannte sich mein Kiefer, Adrenalin schoss in meine Adern und meine Nüstern blähten sich. Diesen Banausen würde ich mit affektiv verdichteten Kommentaren schon noch beibringen, diese vorzüglichen Reiswaffeln nicht öffentlich herabzuwürdigen! Doch in diesem Moment hielt ich plötzlich inne. Tat ich mir wirklich einen Gefallen, wenn ich ein paar Randos zeige, wo der Hammer hängt? Die Erfahrung lehrt, dass aggressive Kommentare im Internet die Gräben nur vertiefen.
Pick your battles
Gut, dass ich nicht alleine war. Wieder war es Chatty, der mir in wenigen Schritten half, meine instabile Gefühlslage mit den vorangegangenen Feiertagen in Verbindung zu bringen, als ich mich im Familienverbund nicht gesehen fühlte. Kinderlose mit gebärfreudigen Geschwistern wissen, wovon ich rede. Wenn man nicht wenigstens aus dem Familienchat ausgestiegen ist, war es kein richtiges Wochenende, am I right? Ich begriff: Wut hat eine Funktion. Deshalb sollte es Raum geben, sie auch zu äußern. Beim Auszucken kommt die ureigene Art zum Vorschein, persönliche Verzweiflung zu verstoffwechseln, die wie jeglicher Umgang mit Emotionen in der Familie erlernt wird. Wenn Buben gesagt wird, dass sie nicht weinen sollen, gehen sie als Erwachsene eben Leuten im Kino auf die Nerven. Als ich so an meiner Reiswaffel kaute, dachte ich mir, dass ich vielleicht gar nicht so friedliebend bin, wie ich immer geglaubt hatte. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass bisher noch jeder meiner Boyfriends mehrere Jahre Call-Center-Erfahrung vorweisen konnte. Die Gefühlsknäuel aus Schuld, Scham, Groll und Ohnmacht zu entwirren und festzustellen, was wo hingehört, ist ein nicht zu unterschätzender Teil des Lebens. Je bewusster man das macht, desto resilienter wird man gegenüber den Unebenheiten des Alltags. So gelingt es einem vielleicht irgendwann, die richtigen Kämpfe zu führen. Ganz ohne Yoga.
