Manchmal möchte man seinen Augen nicht trauen. Wie ich vor kurzem, als ich den Namen einer einer flüchtigen Bekannten googelte, weil mein Leben ist aufregend like that. Ich stieß auf eine Frivolität, die sie wohl lieber verheimlicht hätte: ihr penibel editiertes LinkedIn-Profil. Sofort warf ich die Popcorn-Maschine an. Lückenlos listete sie dort alle Stationen ihres bisherigen Berufslebens auf, überhaupt sei sie, Hashtag, »open to work«, wie der grüne Rahmen um ihr Profilbild verriet. Aber das war noch nicht alles. Bei näherem Hinsehen stachen mir immer mehr Namen von Autor*innen, DJs, Stand-up-Comedians und Leuten, die ich vom Sehen kannte, ins Auge – und alle so fleißig am Kommentieren: »Wow, spannendes Projekt!« und »Congrats on the new role«. Ich war gelinde gesagt shook. Wo war er hin, der Konsens unter »coolen« Personen, unter keinen Umständen ein Profil im sozialen Business-Netzwerk zu haben? LinkedIns einzige nützliche Funktion bestand doch darin, herauszufinden, wie alt jemand war (erstes Uni-Jahr minus 19). Mittlerweile stellten dort aber sogar ganz vernünftige Leute ihren CV ins Internet, for the world to see. Klar, wir alle müssen essen. Aber sind die Zeiten wirklich gar so schlecht? Und wenn ja, sollte ich auch ein Profil auf LinkedIn haben? Ich kam nicht umhin, mich zu wundern: Sollte ich Networking betreiben?
LinkedIn Park
Ab einem gewissen Grad der gesellschaftlichen Durchdringung sind Dinge eben nicht mehr peinlich. Zum Beispiel sich zu Markte tragen wie ein Stück Fleisch mit exzellenten Soft Skills. Das sogar ganz buchstäblich. Im Fitness-Zeitalter lässt kaum jemand seinen Körper ohne Gegenwehr verfallen. Auch so etwas, an das ich mich nur schwer gewöhnt habe. Viele Jahre fand ich es nämlich unangenehm, öffentlich Sport zu treiben. Ich ging deshalb ausschließlich in der Nacht joggen. Wenn ich im Gym auf Bekannte traf, tat ich manchmal so, als wäre ich eine Latzugmaschine, hielt eine breite Gewichtsstange vor mein Gesicht und klemmte mir einen Steckpin zwischen die Beine. Heute gehe ich völlig schambefreit ins McFit. Hin und wieder frage ich sogar, wie viele Sätze jemand noch hat. Mein Problem war, dass ich aussehen wollte wie jemand, der Sport macht, aber nicht als jemand gelten, der sich dafür anstrengt. Müsste ich in Bezug auf Networking ähnlich gleichmütig werden? Eine Freundin hielt es für keine schlechte Idee. Sie mochte LinkedIn, schließlich seien da alle immer so nett. Stimmt auch wieder, dachte ich. Instagram ist da in jeder Hinsicht schlimmer. Zumindest ist nach LinkedIn bisher niemand süchtig geworden. Ein weiterer, unschätzbarer Vorteil: Man netzwerkt nur virtuell.
Alles mit Maß und Ziel
Das weiß ich zu schätzen, seit ich zufällig auf einem echten Networking-Event gelandet bin. Es war genau so, wie man es sich vorstellt: Flughafenlounge Aesthetic, alle Dollarzeichen in den Augen, mit jedem Glas Rosé wurden die gepressten Lacher ein bisschen lauter. Kein guter Boden für Leute wie mich, die am liebsten über ihre Fehlleistungen sprechen. Draußen beim Rauchen erzählte ich schließlich, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Ein interessierter Networker fragte zurück, warum ich das mache. Man solle sich doch dem Genuss nicht gänzlich verwehren, alles mit Maß und Ziel. Meine Antwort war vermutlich ein bisschen zu offenherzig. Nach fünf Minuten klopfte er mir auf die Schulter und murmelte irgendwas in Richtung »Kopf hoch«. Wenig überraschend stellte er sich als Marketingleiter eines großen Weinproduzenten heraus. Extrem sensibel darf man also nicht sein fürs Networking. Ein paar Wochen später war ich auf einem gelungenen Konzert eines jungen Musikers. Als danach in kleiner Runde die Sprache auf das nervtötende Instagram kam, das man halt bedienen müsse um Publikum zu finden, verschwand plötzlich jegliche Freude aus seinem Gesicht. Es scheint nicht ohne dieses Netzwerken zu gehen, aber irgendwie auch nicht mit.
»Hy Josef«
Wie soll man auch gelassen kommunizieren, wenn es um den eigenen Lebensunterhalt geht? Ein Arbeitskollege schrieb mir unlängst eine Email. Sie begann mit den Worten: »Hy Josef«. Richtig gelesen: Hi mit Ypsilon. Beim ersten Mal war ich noch bereit, darüber hinweg zu lesen. Wenigstens war es nicht dieses aufdringliche Ikea-Hej, dachte ich mir, vermutlich ein seltsamer Scherz. Erst das zweite »Hy Josef« stürzte mich in ein Dilemma. Anscheinend war die Schreibweise ernst gemeint. Sollte ich ihn beschämen oder gewähren lassen? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir eigentlich ganz gut genetzwerkt. Ich entschied mich dafür, nichts zu sagen. Irgendjemand auf LinkedIn würde ihn schon darauf hinweisen. Bestimmt einwandfreies Netzwerkverhalten, aber zugegebenermaßen etwas half-assed von mir. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund, bei einem »Hy« haltzumachen. Vielleicht sollte man einfach dieses LinkedIn komplett verbieten. Warum sollten es Social-Media-Verbote nur für Teenager geben? Irgendwie muss man dieser um sich greifenden Radikalisierung schließlich Einhalt gebieten.
